Kambodscha, Tag 3: Dunkle Vergangenheit

S-21.

Ich habe lange überlegt, was ich zum heutigen Tag schreiben kann. Ich könnte vom Besuch des Russischen Marktes zu Beginn des Tages erzählen, von der dampfend warmen Markthalle, die wahlweise nach den Chemikalien der Kleidungsstücke, zu vielen Menschen oder dem roch, was ungekühlter Fisch bei 32ºC halt so tut. Vom gemütlichen Abendspaziergang durch den Wat Botum Park, in dem gesportelt, flaniert und geskateboarded wurde. Bei dem uns schließlich eine junge Englischstudentin mit ihr verängstigten Mutter Unterstützung bei der lebensmüden Überquerung des Suramarit Blvd im Sonntagabendverkehr anbat (es scharte sich innerhalb von Sekunden eine Gruppe von rund sechs Leuten um sie und mich, die sich gemeinsam durch den Wahnsinn auf der Straße tasteten). Von den grandiosen Mangoshakes, dem leckeren Loc Lac, dem Straßenmarkt im Abendlicht oder Tuk-Tuk-Fahrer Paulie.

S-21.

Was dies alles zu mehr als einfachen Urlaubserlebnissen hat werden lassen, war der Besuch des Toul Sleng Genozid Museums. Nach über einer Stunde mit Audioguide saßen wir erschöpft und ich persönlich mit zittrigen Händen auf dem Gelände, und dass so mancher Besucher Sonnenbrille trug hatte ausnahmsweise nichts mit dem Wetter zu tun.

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S-21. “Security Prison 21”. Eine ehemalige Schule, die zu einer Perversion ihrer eigentlichen Funktion wurde, als die Roten Khmer unter Pol Pot 1975 die Macht übernahmen und innerhalb von Tagen rund 3 Millionen Menschen aus Phnom Penh vertrieben. Toul Sleng wurde zu einer von knapp 200 Folterkammern im Land umfunktioniert. Allein hier fanden bis 1979 zehntausende den Tod. Die Aufgabe war klar: Die (meist grundlos) Inhaftierten so lange Foltern und am Leben halten, bis sie ein passendes Geständnis ablegten, woraufhin sie “rechtmäßig” umgebracht wurden, meistens zu Tode geprügelt um Munition zu sparen – fast schon ein Segen, verglichen mit dem, was die Gefangenen hier durchlebten.

Entmenschlichen, Quälen, Töten, alles fein säuberlich Protokollieren. Viele, aber nicht alle Dokumente wurden durch die Roten Khmer zerstört, als die Vietnamesen 1979 einmarschierten, so dass im Museum zahlreiche Originalfotografien der Inhaftierten bei der Erfassung zu sehen sind, und auch Fotos von “versehentlich” zu Tode gefolterten Leichnamen. Ebenso wurden die Einzel- und Massenzellen erhalten, Gemälde eines überlebenden Künstlers schildern die Foltermethoden, die ich an dieser Stelle nicht wiedergeben möchte. In den ehemaligen Verhörräumen werden dokumentarische Fotografien von dem ausgestellt, was die Vietnamesen beim Sturm auf das Gefängnis vorfanden: Kaum zu ertragende Bilder der letzten, hastig ermordeten und anschließend verbrannten Gefangenen, deren verstümmelte Körper teils noch an die metallenen Bettgestelle gekettet waren. Ich gehe an dieser Stelle nicht auf noch mehr schreckliche Details des Museums ein, auch wenn sie sich nachhaltig in mein Bewusstsein gebrannt haben.

Aufgrund der eigenen Geschichte ist man als Deutscher natürlich besonders für solche Themen sensibilisiert und wer sich auch nur im mindesten mit KZs beschäftigt hat, entdeckt schnell erschreckende Parallelen. Dass insbesondere das brutale Vorgehen bei der Machtübernahme kein Thema der Vergangenheit ist, zeigt eindrücklich die aktuelle Situation der arabischen Welt. Das mörderische Tempo, in dem jegliche Rechtsstaatlichkeit abgeschafft wurde – ja, überhaupt werden konnte – lässt einen mit Sorge auf die aktuelle weltpolitische Lage und den spürbaren Rechtsruck blicken. Am Ende des Audioguide wurde ein – sogar deutscher – Politiker zitiert, dessen Aussage noch immer traurige Aktualität hat, sinngemäß: Kein politisches Ziel, egal wie richtig, notwendig oder edel es scheinen mag, kann und darf die Schaffung eines Systems rechtfertigen, das die Würde des Menschen verletzt.

Die Gräueltaten der Khmer Rouge sind keine 40 Jahre her. Vielleicht hat mich der Tag heute auch so sehr mitgenommen, weil sich ihre Ideologie gegen fast alle meine Grundwerte und Überzeugungen gerichtet hat: Freiheit, Weltoffenheit, Toleranz – und vor allem Bildung. Eine Aufarbeitung der Verbrechen findet nur langsam statt, die Prozesse gegen die damaligen Anführer begannen erst 2009 und laufen noch immer. Die Gründe dafür sind vielschichtig, frustrierend und führen an dieser Stelle zu weit. Umso erstaunlicher ist es, welchen weiten Weg Kambodscha seitdem zurückgelegt hat – und hier schließt sich der Kreis: Zu den wuseligen Märkten, zum Treiben im Park, zu Mangoshakes, Tuk-Tuks und vor allem der kambodschanischen Englischstudentin. Das alles wäre zwischen 1975 und 1979 ein Todesurteil gewesen. Dem möchte ich einfach die folgenden Bilder des heutigen Tages gegenüberstellen.

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