Review: Beyerdynamic Custom Street vs. V-Moda XS (vs. Custom One Pro)

Es ist fast 3 Jahre her, dass ich großspurig “Unterwegs angekommen” titulierte. Das damalige Ende meiner Reise durch die Kopfhörerwelt war der Beyerdynamic Custom One Pro (in der Folge COP). Dieser tut auch nach wie vor seinen Dienst und ich bin zufrieden wie am ersten Tag. Nur: Ganz so endgültig sollte die Sache mit dem “unterwegs” dann doch nicht sein. Hand auf’s Herz: Der COP ist einfach ein riesiger Klopper, den man nur schwer in seine Alltagstasche pressen kann…

Mittlerweile ist 2015 und die Welt hat sich weitergedreht. Nach der “beats”-induzierten Rückkehr der klobigen Over-Ears sind nun die On-Ears beim modebewussten Musikhörer hoch im Kurs. Klang scheint da manchmal nebensächlich, um den Hals baumelnd müssen die Dinger gut aussehen! Designtechnisch lässt man sich da von italienischen Sportwägen und Radfahrern inspirieren, Worte wie “Lifestyle”, “urbaner Chic” und eben “modebewusst” dominieren die Produktbeschreibungen. Hm. Natürlich möchte da auch die Heilbronner HiFi-Manufaktur ein Stück vom Kuchen haben und schickt ihren eigenen Kandidaten ins Rennen. Auftritt: Der Beyerdynamic Custom Street (in der Folge BCS), das jüngste Modell der Beyerdynamic CUSTOM-Familie.

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Der Beyerdynamic Custom Street

Schon bei der Ankündigung im Herbst 2014 löste die Beschreibung auf dem Papier spontane “Haben-will”-Reflexe bei mir aus: Der Klang des COP in klein und faltbar? Steckbares Kabel? Transportbox und 16 Cover zum Wechseln (sofern man möchte) auch noch mit dabei? Und das alles für 129€? Mein Vertrauen war groß und ich tat etwas sehr untypisches – ich bestellte vor. Nun hieß es warten. Und warten. Und warten… denn aufgrund von Nachbesserungen im Rahmen der Qualitätssicherung verschob sich nämlich die Markteinführung auf unbestimmte Zeit. So kam es dann auch, dass ich kürzlich in einem Anfall von “Ich brauche jetzt aber was kleines für Unterwegs” gebraucht und günstig(er) einen V-Moda XS erstand…

Der V-Moda XS

Irgendwo notierte ich mir deswegen auch “Vorbestellung stornieren”… was ich aber dann vergessen hatte, bis diese Woche überraschend der BCS mit fast einem dreiviertel Jahr Verzögerung bei mir ankam. Die perfekte Gelegenheit für einen direkten Vergleich!

Ich bin kein Fan von technischen Daten, der Vollständigkeit halber seien sie hier aber kurz erwähnt:

Custom Street V-Moda XS
Bauweise ohraufliegend, geschlossen ohraufliegend, geschlossen
Nennimpedanz 38 Ω 28,5 Ω
Frequenzbereich 20 Hz – 20 kHz 5 Hz – 30 kHz
Schalldruck  103 dB 105 dB
Andrückkraft  ca. 4,2 N  keine Angabe, gering
Gewicht (ohne Kabel)  205 g 195 g
Preis 129 € ca. 190 €

Auf dem Papier ist somit der V-Moda XS schon einmal der klare Sieger, wenn auch zu einem deutlich höheren Preis. Wie gesagt gebe ich aber wenig auf technische Daten – Musik ist für mich etwas sehr persönliches, subjektives. Ich kann und WILL da überhaupt nicht “neutral” bleiben. Deshalb schildere ich hier meinen ganz persönlichen Eindruck. Da ich bewusst einen Kopfhörer für den Alltag unterwegs wollte, zählen für mich diesmal vor allem Klang und Portabilität. Daneben fließen natürlich auch Verarbeitung und Komfort in die Wertung mit ein.

 

Verarbeitung, Komfort und Portabilität

Der BCS ist hochwertig verarbeitet, die dominierenden Materialien sind solider, angenehm matter und griffiger Kunststoff und bequemes Kunstleder (Ohrpolster, Teile des Kopfbands). Insgesamt wirkt er nicht ganz so unverwüstlich wie der COP, aber ich würde ihn bedenkenlos in jede Tasche werfen. Zudem lassen sich Beyerdynamic-typisch fast alle Komponenten austauschen oder ersetzen. Das hat in diesem besonderen Fall natürlich “Style”-Gründe und ist Marketingstrategie, mir persönlich aber hochwillkommen sollte doch einmal etwas kaputt gehen. Außerdem hoffe ich bereits auf Velours-Ohrpolster (dazu später mehr). Die Ohrmuscheln sind im Vergleich mit anderen On-Ears eher groß, aber im normalen Rahmen. Der Hörer sitzt somit gut und bequem auf dem Ohr, und dichtet auch größere Ohren zuverlässig ab. Hierzu trägt auch der Anpressdruck bei, der sich gewaschen hat – den BCS spürt man! Dadurch werden zwar Geräusche abgehalten, aber längeres Tragen kann je nach persönlichem Empfinden etwas unangenehm werden.

Der V-Moda XS wird bereits als “Tested Beyond Military-Level Quality Test Standards” beworben und wird dem auch gerecht – das Ding hält definitiv einiges aus und steht meinem COP in nichts nach. Ersatzteile sind in Deutschland sicherlich etwas schwieriger zu bekommen, aber wichtige Teile wie Ohrpolster lassen sich ebenfalls tauschen. Das aggressive Design muss einem gefallen, aber einem muss man dem XS lassen: Der Name ist Programm, Bilder werden der Kompaktheit des Hörers kaum gerecht. An der Bequemlichkeit gibt es nichts auszusetzen, der Hörer lässt sich über lange Zeit problemlos tragen und man spürt ihn kaum. Das hängt natürlich auch mit dem geringen Anpressdruck zusammen: Headbangen sollte man nicht zur Musik, sonst fliegt der V-Moda davon. Entsprechend lässt er auch etwas mehr Außengeräusche durch als der BCS.

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Beide Kopfhörer sind um Längen zierlicher und portabler als der klobige Custom One Pro.

Im direkten Größenvergleich nehmen sich die beiden Hörer erst mal nicht viel, zudem lassen sich beide angenehm kompakt zusammenfalten. Ja, der XS ist etwas kleiner, aber wirft man die Hörer einfach so in die Tasche, ist der Unterschied nicht besonders groß. Das ändert sich jedoch komplett, wenn man die mitgelieferten (ebenfalls sehr hochwertigen und stabilen) Transportcases verwendet. Durch Bauform, die größeren Ohrmuscheln und das etwas geräumigere Gehäuse ist der BCS nur begrenzt taschentauglich. Völlig anders der XS: Die Transporthülle ist dermaßen kompakt gebaut dass sie drinnen kaum noch Platz für das Kabel lässt. So passt sie problemlos in jede größere (Männer)handtasche, im Zweifelsfall kann sie sogar mittels Karabiner außen angehängt werden. Während somit in Verarbeitung  und Komfort beide Hörer in etwa gleichauf sind, ist die Portabilität ein klarer Pluspunkt für den V-Moda – insbesondere wenn man die Transporthülle verwenden möchte.

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Im Größenvergleich direkt nebeneinander scheinen sich beide Kopfhörer zunächst nicht wahnsinnig viel zu nehmen…
…im “Transportmodus” sieht das dagegen völlig anders aus: Oben der V-Moda XS, unten der Custom Street.

 

Klang

Hier habe ich auch nach mehreren Tagen intensiven Testens noch kein abschließendes Urteil fällen können. Vielleicht so viel vorab: Beide Hörer sind definitiv gut und für den Einsatz unterwegs mehr als ausreichend und alles was folgt ist Meckern auf hohem Niveau. Gleichzeitig muss man aber auch realistisch sein: Der Custom One Pro (vom DT880 mal ganz zu schweigen…) verspeist beide zum Frühstück, ist aber halt auch ein Over-Ear.

Wie auch schon der Custom One Pro besitzt der Custom Street sogenannte “Sound Slider”, mit denen man nach Bedarf den Klang variieren kann. Hierbei werden – ganz physikalisch – Bassreflexboxen geöffnet ober abgedeckt, so dass sich tatsächlich nicht nur spezifische Frequenzen, sondern das komplette Klangbild verändert. Während beim COP in vier Stufen so tatsächlich ein breites Spektrum von “neutral-langweilig” bis “zu bassbetont” zur Verfügung stand, sieht das bei den drei Stufen des BCS anders aus. Wer Bass nicht mag sollte von dem Hörer die Finger lassen! Der BCS bringt ordentlich eigene Färbung mit, mehr oder weniger “Badewanne” (angehobene Tiefen, abgesenkte Mitten, angehobene Höhen) hat man immer.

Über Stufe 3 diskutiere ich hier gar nicht erst – was sich die Heilbronner dabei gedacht haben erschließt sich mir nicht. Ein grausiges Gewummer. Bleiben wir also bei Stufe 1 oder 2, die beide ihre Daseinsberechtigung haben. Im Prinzip liefert Stufe 2 den besten Klang: Klare Höhen, präzise Reaktion, eine überraschende Räumlichkeit und definierte Mitten, auch wenn ich hier ein bisschen mehr Druck vertragen könnte. Alle Instrumente lassen sich sauber nebeneinander wahrnehmen, nichts verzerrt, auch wenn man die Lautstärke aufdreht. Wenn da nicht der Bass wäre… Zur richtigen Musik (Rock, Punk, Hardcore) passt das manchmal gut und klingt angenehm “fett” – in den meisten Fällen ist es mir aber viel zu viel. Also doch Stufe 1? Im Prinzip ja – allerdings büßt man dann auch Brillianz in den Höhen ein, alles klingt etwas zu weit weg, das Klangspektrum wirkt sowohl unten als auch oben beschnitten. Eine längere “Einbrennzeit” hat hier Besserung gebracht, aber irgendwie bleibt das Gefühl, dass der BCS hinter seinem Potential zurück bleibt. Die Bässe aus Stufe 1 und alles andere aus 2 – das wäre die perfekte Mischung. Ich könnte mir vorstellen dass Velourspolster hier Abhilfe schaffen und Stufe 2 etwas die Zähne ziehen könnten.

Der V-Moda liegt eher auf der neutralen Seite. Tiefe Bässe sind ausreichend vorhanden, aber nicht unangenehm dominant. Seine Muskeln lässt der XS dann so richtig in den oberen Bässen und tieferen Mitten spielen: Druckvoll ohne anstrengend zu sein, sauber, trocken – neutral geht vielleicht anders, aber ja, so gefällt das! Schwieriger wird es bei den höheren Mitten und Höhen: Hier ist mir der V-Moda ein bisschen zu ungestüm, gerade bei etwas höherer Lautstärke lärmt es und verzerrt sogar hin und wieder. So entsteht “obenrum” leider ein etwas blecherner Eindruck. Zudem macht das den V-Moda anfälliger für schlechte Aufnahmen oder Abspielgeräte, was beim mobilen Einsatz ja durchaus vorkommen kann. Umgekehrt kann man es auch so sehen, dass der XS hier gnadenlos ehrlich ist, während der BCS mit seinem eigenen Charakter auch schon mal über Schwächen hinwegbügelt.

Bei beiden Modellen ist “Geräuschunterdrückung” übrigens eine hohle Verkaufsphrase und Blödsinn: Man hat hier geschlossene Hörer, insofern bauartbedingt eine mehr (BCS) oder minder (XS) starke Abschirmung der Außenwelt, bei Musik in normaler Lautstärke hört man in beide Richtungen nichts.

 

Fazit

Wer sich für einen von beiden Kopfhörern entscheidet macht wenig falsch. Beide sind sehr gut verarbeitet, lassen sich auf eine vernünftige Größe zusammenfalten und robust genug um sie einfach in die Tasche zu werfen. Möchte man ein Transportcase verwenden ist der V-Moda deutlich kompakter. Beide sind zudem sehr bequem, der Beyer hat einen höheren Anpressdruck, sitzt dafür aber auch fester und schirmt besser ab. Den V-Moda kann man stundenlang tragen ohne ihn zu merken – vorausgesetzt man bewegt sich nicht zu heftig so dass er vom Kopf rutscht.

Klanglich wissen beide zu gefallen und Kritik ist Meckern auf hohem Niveau. Allerdings muss man auch realistisch bleiben – die Kompaktheit hat einen Preis, ein vernünftiger Over-Ear wird in jedem Fall für gleiches Geld einen besseren Klang liefern. Der Beyer stellt prinzipiell über das gesamte Klangspektrum sauberer und ohne zu Verzerren dar, allerdings bringt er eine deutliche Badewannen-Abstimmung mit. Die Sound Slider ermöglichen zwar eine Anpassung des Klangs, jedoch musste ich zwischen zu viel Bass und leicht beschnittenem Klangbild wählen. Da bin ich von Beyerdynamic eigentlich besseres gewohnt. Der V-Moda ist insgesamt ausgewogener und weiß besonders in den tiefen Mitten zu gefallen. Allerdings neigt er stärker zum Verzerren und ist anfälliger für schlechte Quellen. Und deutlich teurer.

Der V-Moda XS ist also die erste Wahl wenn man (sehr) guten Klang möglichst kompakt möchte. Der Custom Street ist ein bassbetonter Allrounder, der in jeder Situation gefälligen Klang liefert und durch die Sound Slider etwas flexibler ist. Von den hier besprochenen Kopfhörer liefert der Custom One Pro den besten Klang – ist aber aufgrund der Größe nur bedingt für den Außeneinsatz geeignet.

 

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